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Was macht einen Ort lebenswert? Wann fühlen wir uns nicht nur sicher, sondern verbunden – mit unserer Umgebung, mit anderen Menschen, mit einer Idee von zuhause? Der Begriff Placemaking liefert darauf keine eindeutige Antwort. Vielmehr beschreibt er einen kreativen, gemeinschaftsorientierten Prozess, bei dem Menschen, Planer:innen und Nutzer:innen, gemeinsam daran arbeiten, öffentliche oder halböffentliche Räume so zu gestalten, dass sie lebendig, funktional, identitätsstiftend und sozial bereichernd sind.
Text
Nina Eisenbrand/Timo Brehme
English Translation
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Fotos/Photos
commons.wikimedia.org
Für uns bei CSMM ist Placemaking eine Haltungsfrage: Lebenswerter Raum beginnt nicht erst im Quartier oder auf der Straße, sondern im täglichen architektonischen Tun – im Büro, in der Lobby, im Treppenhaus, iBm Zusammenspiel zwischen innen und außen. Genau hier setzen wir an – mit einem nutzerzentrierten Gestaltungsansatz, der soziale Interaktion, Orientierung und Zugehörigkeit bewusst ins Zentrum rückt. Für uns entsteht die Qualität eines Ortes nicht nur durch seine architektonische Form, sondern vor allem durch seine Wirkung auf die Nutzer:innen. Als Architekt:innen gestalten wir auch jene innenliegenden Räume, die soziale Interaktion, Orientierung und Identifikation im Alltag ermöglichen – und genau diese Perspektive ist zentral für ein ganzheitliches Verständnis von Stadtgestaltung.
In unseren Projekten denken wir Gebäude und Quartiere immer aus dem Erleben der Menschen heraus. Eine moderne Raumplanung muss hybrid und flexibel sein, um den vielfältigen Anforderungen des urbanen Lebens gerecht zu werden. Deshalb entwickeln wir gemeinsam mit unseren Auftraggeber:innen Orte, die nicht nur funktionieren, sondern Sinn stiften. Ein Quartier wird lebendig, wenn es vielseitig nutzbar ist – wenn Wohnen, Arbeiten, Gastronomie und Freizeit miteinander verzahnt sind.
Die Organisation Project for Public Spaces (PPS) präzisiert: „Placemaking ist ein kreativer, partizipativer Prozess, bei dem Gemeinschaft, Fachleute und Interessengruppen zusammenarbeiten, um öffentliche Räume zu aktivieren.“ Ziel sei es, Orte zu schaffen, die die Bedürfnisse und Wünsche der Menschen widerspiegeln.1 Auch der Designblog Critical Design definiert: „Placemaking kann als Prozess definiert werden, qualitativ hochwertige öffentliche Räume zu schaffen, die zur Gesundheit, zum Glück und zum Wohlbefinden der Menschen beitragen. Es umfasst einen ganzheitlichen Ansatz der Stadtgestaltung, der die menschliche Erfahrung in den Mittelpunkt stellt.“2 Jenseits dieser Definitionen zeigt unsere praktische Planung: Orte werden dann lebendig, wenn sie aus realen Bedürfnissen heraus entstehen – Gestaltung also nicht Selbstzweck ist, sondern Resonanz erzeugt.
Innovation von Gestern bis Übermorgen
Im 19. Jahrhundert legte der österreichische Architekt Camillo Sitte mit seinem Werk „Der Städte-Bau nach seinen künstlerischen Grundsätzen“ (1889) einen wesentlichen Grundstein für die heutige Interpretation von Placemaking. Er kritisierte die lineare Geometrie der damaligen Stadtplanung und plädierte für emotional lesbare, organisch gewachsene Stadträume mit hoher Aufenthaltsqualität.3
Der Begriff „Placemaking“ geht auf die 1960er Jahre zurück und wurde von wegweisenden Denker:innen wie Jane Jacobs und William H. Whyte geprägt, die ein radikales Umdenken im Städtebau forderten. Sie stellten das soziale Leben in den Mittelpunkt und setzten sich für lebendige Nachbarschaften ein, die der rein funktionalistischen Planung entgegenstanden.4 In den 1970er Jahren prägten Architekt:innen, Stadtplaner:innen und Landschaftsgestalter:innen den Begriff weiter, indem sie durch Projekte wie Parks, Uferpromenaden oder belebte Straßen urbane Lebensräume aufwerteten. Die Gründung von Project for Public Spaces 19755 gab dem Ansatz institutionellen Rückhalt und methodische Tiefe.
Heute versteht man unter Placemaking ein weites Spektrum an Strategien und
Praktiken – von der Entwicklung öffentlicher Räume bis hin zur gestalterischen Qualität von Arbeits- und Lebens-
orten. Im Zentrum steht stets die Frage: Was brauchen Menschen, um sich mit einem Ort zu identifizieren? Es geht darum, Architektur als Medium zu begreifen – als vermittelnde Instanz zwischen Raum, Mensch und Gesellschaft. Gestaltung beginnt dabei nicht mit Form, sondern mit Haltung: mit dem echten Interesse an den Bedürfnissen derjenigen, die einen Ort nutzen und prägen.
Ein Planer, der diese menschenzentrierte Perspektive entscheidend mitgeprägt hat, ist der Däne Jan Gehl. Er sieht Städte als soziale Systeme, in denen öffentliche Räume die Bühne für menschliche Interaktion sind. Sein Konzept der „Entschleunigung“ – Räume, die in Schrittgeschwindigkeit mit allen Sinnen erlebbar sind – ist bis heute wegweisend.6 Auch wir setzen auf Maßstäblichkeit, Blickbeziehungen und Aufenthaltsqualität – nicht nur im Außenraum, sondern ebenso im Inneren von Gebäuden. Denn viele von Gehls Prinzipien lassen sich unmittelbar auf Innenräume übertragen: Orientierung, atmosphärische Klarheit und soziale Offenheit sind keine exklusiven Merkmale des öffentlichen Raums – sie entscheiden auch innerhalb eines Gebäudes darüber, ob ein Ort als zugewandt, einladend und lebendig wahrgenommen wird.
Noch einen Schritt weiter geht Carlos Moreno mit seiner Vision der „15-Minuten Stadt“, die er auf der UN-Klimakonferenz 2015 in Paris vorstellte: eine Idee, die Mobilität, Versorgung und Nachbarschaft neu denkt – auf kurze Wege, lebendige Erdgeschosszonen und funktionale Vielfalt hin. In einer Zeit, in der es viele Probleme zu bewältigen gilt, erklärt Moreno: „[...] Die großen Themen der Menschheit [sind] der Klimawandel, die Ausgrenzung und die Armut. Und der Schlüssel zu allen drei Problemen liegt in unseren Städten.“ Mit der 15-Minuten-Stadt will er alle wesentlichen Dienstleistungen und Annehmlichkeiten einer Stadt so gestalten, dass sie innerhalb von 15 Minuten zu Fuß oder mit dem Fahrrad erreichbar sind. Dieses Modell fördert die Lebensqualität, reduziert den Verkehr und stärkt den lokalen Zusammenhalt, indem es die Abhängigkeit vom Auto verringert.7
Morenos Modell zeigt eindrücklich, wie sich durch intelligente Planung Alltagsleben verdichten und lokal verankern lässt. In vielen unserer Projekte – ob Repositionierung, Bestandstransformation oder Hybridnutzung – begegnen wir genau diesen Fragen: Wie lässt sich ein Gebäude so integrieren, dass es zum urbanen Gefüge beiträgt? Wie kann es programmatisch und funktional so aufgestellt werden, dass es Teil eines sozialen Netzwerks wird?
Stadtplanung und Architektur dürfen nicht länger als rein funktionale Disziplinen begriffen werden. Es geht um Verantwortung, um Atmosphäre, um gesellschaftliche Wirkung. Was einst als Gegenbewegung zur funktionalistischen Stadtplanung begann, hat sich über Jahrzehnte hinweg zu einem gestalterischen Selbstverständnis entwickelt, das heute die Grundlage verantwortungsvoller und zukunftsorientierter Projektentwicklung bildet.
Für uns bedeutet das: Architektur muss mehr leisten als reine Flächeneffizienz – sie muss Beziehungen ermöglichen, Atmosphäre schaffen und Teil eines gesellschaftlichen Dialogs sein. Räume sind keine neutralen Kulissen, sondern prägende Akteure im urbanen Alltag. Diese Wirkung bewusst zu gestalten – mit Sinn für Kontext und Nutzung – ist das zentrale Element unserer Arbeit.
Doch wie sieht das im konkreten architektonischen Alltag aus? Wie gestalten wir Orte, die verbinden, statt nur zu funktionieren – Orte mit Seele, mit Wirkung, mit Relevanz?
Quellen/Sources
1 https://www.pps.org/article/what-is-placemaking?
2 https://www.critical.design/post/placemaking-definition-history-origins-and-importance
3 Sitte, Camillo (1889): Der Städte-Bau nach seinen künstlerischen Grundsätzen. Wien: Carl Graeser.
4 Jacobs, Jane (1961): The Death and Life of Great American Cities. New York: Random House. Whyte, William H. (1980): The Social Life of
Small Urban Spaces. Washington, D.C.: Conservation Foundation.
5 https://www.pps.org
6 https://islandpress.org/books/cities-people#desc
https://de.wikipedia.org/wiki/Jan_Gehl
7 https://www.rolandberger.com/de/Insights/Publications/Carlos-Moreno-über-die-Stadt-der-kurzen-Wege.html