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Das „Sugar Valley“ im Münchner Südwesten – ein Ort, der heute schon Antworten auf morgen gibt. Wo früher Beton gemischt wurde, entsteht heute ein neues Stück Stadt. Auf dem Gelände der ehemaligen Sendlinger Betonfabrik entwickelt die Salvis Consulting AG mit dem „Sugar Valley“ ein Zukunftsquartier mit rund 160.000 Quadratmetern Mietfläche und 20.000 Quadratmetern Freifläche. Der Anspruch: einen intelligenten Nutzungsmix schaffen, der New Work, Mobilität, Nachhaltigkeit und Digitalisierung verbindet. Seit 2019 wird das Vorhaben von der Stadt München aktiv unterstützt und soll sich zum neuen Zentrum von Obersendling entwickeln.
Torsten Bischoff
Managing Partner, Salvis Consulting AG
Andreas Hofmann
Head of Letting & Marketing, Salvis Consulting AG
Alexander Russ
Architekturjournalist/Architectural journalist
Timo Brehme
Managing Partner CSMM
English Translation: analog fachübersetzungen
Visuals: Salvis Consulting AG
Fotos/Photos: Fabian Gruber
CSMM ist seit Projektbeginn als strategischer Partner eingebunden – mit dem Schwerpunkt auf einer nutzerzentrierten Entwicklung der Büroflächen. Im Fokus stehen flexible Grundrisse und anpassungsfähige Gebäudestrukturen, die auf zukünftige Anforderungen reagieren können. Ergänzend werden Fragen der Positionierung und Vermarktung berücksichtigt, insbesondere mit Blick auf multifunktionale Strukturen, Aufenthaltsqualität und eine klare Quartiersidentität. Leitgedanke ist das Placemaking: (Frei-)Räume und Strukturen sind so zu gestalten, dass sie Identität stiften, Gemeinschaft fördern und langfristig Bestand haben.
Vor diesem Hintergrund diskutieren Torsten Bischoff (Mitglied der Geschäftsleitung, Salvis Consulting AG), Andreas Hofmann (Head of Letting and Sustainability, Salvis Consulting AG) und Timo Brehme (geschäftsführender Gesellschafter, CSMM GmbH) mit Architekturjournalist Alexander Russ über die Rolle von Beratung und Planung als verbindende Brücke zwischen Nutzerbedürfnissen, ökonomischen Zielen und städtebaulichem Kontext. Das Gespräch reicht von Placemaking über Grundrissflexibilität bis hin zur Frage, wie Quartiere resilient und zukunftsfähig gestaltet werden können. Es zeigt, warum das „Sugar Valley“ als Beispiel nachhaltiger Transformation Strahlkraft über München hinaus hat.
Alexander Russ
Sie wollen mit dem Projekt „Sugar Valley“ einen neuen Ort schaffen, der Menschen zusammenbringt – einen neuen Quartiersmittelpunkt. Hier soll zukünftig ein Platz entstehen, an dem sich Nachbar:innen, hier Arbeitende und Besucher:innen aus anderen Teilen Münchens begegnen können. Sie benutzen dazu den Begriff Placemaking. Wie würden Sie Placemaking für sich definieren – und welche Rolle spielt dieses Thema für das Konzept des Quartiers?
Torsten Bischoff
Placemaking ist für uns das Zusammenspiel aus Haltung, Strategie und Gestaltung – immer mit dem Ziel, Orte für die Menschen zu entwickeln, die sie täglich nutzen. Orte, die gleichermaßen von Bewohner:innen und Besucher:innen geprägt werden, eine hohe Aufenthaltsqualität bieten und im Sinne der Nachhaltigkeit zu einer lebenswerten, zukunftsfähigen Stadt beitragen. Dafür braucht es mehr als gute Ideen: Es braucht eine klare, durchdachte Strategie. Placemaking heißt, komplexe Prozesse zu steuern, unterschiedliche Akteur:innen zu vernetzen und gemeinsam tragfähige, langfristige Lösungen zu entwickeln. Die Gestaltung ist der sichtbare Ausdruck dieser Haltung und Strategie.
Architektur und Stadtplanung – so wie wir sie verstehen – schaffen offene, inklusive und funktionale Räume, die den Alltag prägen, Begegnungen ermöglichen und das soziale Miteinander fördern. Für uns bedeutet Placemaking, Verantwortung zu übernehmen – für die Qualität urbaner Räume, für die Gesellschaft und für eine nachhaltige Zukunft. Dabei geht es nicht nur um Aufenthaltsqualität, sondern auch um Mischnutzung: Wohnen, Arbeiten und Einkaufen rücken räumlich näher zusammen, was kürzere Wege schafft. Dafür gibt es den Begriff der 15-Minuten-Stadt – bei uns nennen wir es sogar das 5-Minuten-Quartier. Das ist Teil einer gesamtgesellschaftlichen Entwicklung, die Antworten auf Fragen der Nachhaltigkeit gibt und darauf, was sich heute gut und richtig anfühlt. Am Ende entscheidet die Qualität des Gesamtpakets: Quartiere, die echte Mehrwerte bieten, ziehen Menschen an – andere verlieren an Attraktivität.
Timo Brehme
Wir verwenden den Begriff Placemaking bewusst, da seine Grundideen auf allen Maßstabsebenen relevant sind – vom städtebaulichen Kontext bis hin zum Innenraum-konzept. Entscheidend ist, dass Gebäude so geplant werden, dass sie langfristig flexibel bleiben können – etwa durch effiziente, wandelbare Grundrisse oder eine vorausschauende Gebäudestruktur. Prinzipien, die auf der Mikroebene – wie bei einer Bürofläche – zur Anpassung an wechselnde Anforderungen beitragen, lassen sich unmittelbar auf die Makroebene der Stadtentwicklung übertragen. Mischnutzung ist dabei ein zentraler Faktor. Da stimme ich Torsten Bischoff zu: Monofunktionale Quartiere verlieren zunehmend an Attraktivität, während gemischte Nutzungen – mit Wohnen, Arbeiten und Einkaufen an einem Standort – Anziehungskraft entwickeln. Placemaking bedeutet in diesem Sinne, Räume zu schaffen, die nicht nur Aufenthaltsqualität bieten, sondern auch durch Vielfalt Identität stiften, Begegnungen fördern und langfristig Lebensqualität sichern – als verbindendes Element zwischen Haltung, Strategie und Gestaltung, vom Städtebau bis hin zur Teeküche.
Alexander Russ
Wir haben jetzt konzeptionell über Placemaking gesprochen. Vielleicht können wir nun ins Detail gehen: Wie haben Sie das konkret im Quartier umgesetzt?
Andreas Hofmann
Am Anfang standen der Städtebau und der Masterplan. Bei so einer großen Maßnahme ist das der erste Schritt zur Akzeptanz, damit sich das Projekt baulich gut ins Umfeld einfügt. Das ist für uns als Entwickler immer ein Spagat zwischen wirtschaftlichen Anforderungen und dem richtigen Maß an Dichte, Größe und Proportionen. Wir haben versucht, die vorhandene heterogene Bebauung aufzunehmen und neu zu interpretieren – ohne einen harten Kontrast zu setzen. Früher gab es hier einen fast 400 Meter langen Baukörper, alles, was südlich von ihm lag, von der Boschetsrieder Straße abgeschnitten hat. Keine Sichtachsen, keine Verbindung. Unser Ziel war Durchlässigkeit – damit man ins Quartier kommt und sich besser vernetzen kann.
Der zweite Schritt war die Frage: Was passiert in diesem Quartier? Da ging es um Aufenthaltsqualität. Wir haben die Außenanlagen so geplant, dass sie Begegnung fördern – mit fünf Spielplätzen für alle Altersgruppen, bewusst in Verbindung zu Gastronomieflächen. So können Eltern im Café sitzen und die Kinder spielen sehen. Jeder profitiert davon. Ein bisschen wie beim „Kollwitzplatz-Effekt“ am Prenzlauer Berg in Berlin. Und besonders wertvoll war für uns die Zwischennutzung: Hier konnten wir austesten, was tatsächlich funktioniert – von einfachen Angeboten wie Tischtennisplatten bis hin zu kulturellen Formaten. Diese Erfahrungen haben uns wichtige Hinweise gegeben, welche Qualitäten dauerhaft ins Quartier übernommen werden sollten.
Alexander Russ
Sie haben im Gespräch vor dem Interview erwähnt, dass es dafür gar nicht so viel braucht …
Torsten Bischoff
Ja, oft sind es ganz einfache, fast schon profane Dinge. Zum Beispiel haben wir bei der Zwischennutzung gemerkt, wie viel Mehrwert schon Tischtennisplatten bringen – egal ob für Büroangestellte in der Mittagspause oder für die Kids aus der Nachbarschaft. Genauso bei den Außenanlagen: Wir haben sie bewusst so gestaltet, dass sie von unterschiedlichen Gruppen genutzt werden können. Dazu kommt natürlich die Frage der Nutzung insgesamt – was brauchen Quartiersnutzer:innen, um zu sagen: „Hier passt die Infrastruktur für mich“? Und was wünschen sich die Nachbarn oder das Umfeld? Das reicht von Serviceangeboten bis zu kleinteiligem Einzelhandel. Wir haben den Vorteil, dass große Märkte in der Umgebung vorhanden sind, wir müssen also nicht alles selbst darstellen, sondern können uns auf die Deckung des täglichen Bedarfs konzentrieren. Diese Überlegungen haben uns in der Quartierskonzeption stark geleitet.
Andreas Hofmann
Und dann geht es auch um die Frage: Wo ist was? Wir haben uns städtebaulich bewusst für eine Durchmischung entschieden. Alle Nutzungen einmal sprichwörtlich in den Karton gepackt, kräftig geschüttelt – und dann bewusst heterogen verteilt: mal Wohnen hier, mal Büro dort, alles rund um einen zentralen Platz. Dieses Herzstück war für uns entscheidend – nicht nur mit Serviceangeboten, sondern auch mit kulturellen Akzenten. Das ist der Magnet, der Menschen nicht nur aus dem direkten Umfeld, sondern auch aus der weiteren Umgebung ins Quartier zieht. Genau deshalb war uns Offenheit wichtig: Viele Quartiersentwicklungen sind geschlossene Systeme, klar vom Umfeld abgegrenzt. Unser Ansatz in Obersendling war von Anfang an ein anderer: keine autarke Insel, sondern ein transparentes, durchlässiges Quartier, das sich in die Nachbarschaft einfügt und integrativ wirkt.
Timo Brehme
Das erinnert mich an ein Zitat von Jan Gehl, dem dänischen Stadtplaner, der sich schon früh gegen die reine Autostadt gestellt und für die menschliche Dimension der Stadtentwicklung eingesetzt hat. Er hat gesagt: Eine gute Stadt – oder ein gutes Quartier – ist wie eine gute Party: Man bleibt länger, als man eigentlich muss. Und wenn man das weiterdenkt, fragt man sich: Wo halten sich Menschen auf einer Party am liebsten auf? Meistens in der Küche – nah beieinander, im sozialen Austausch und mit Versorgung in Reichweite. Genau das ist entscheidend: Kulinarik, etwas zu trinken, Menschen, die zusammenkommen. Das sind die Faktoren, die Leben ins Quartier bringen.
Andreas Hofmann
Wenn wir das, was Timo Brehme gerade erwähnt hat, schaffen, dann haben wir unser Ziel erreicht: dass die Menschen, die hier arbeiten, nicht nur während der Arbeitszeit bleiben, sondern auch darüber hinaus. Dass sie am Wochenende kommen, ihre Freunde einladen, abends ein Konzert besuchen, in die Gastronomie gehen oder gemeinsam den Außenraum nutzen.
Alexander Russ
Wenn man diesen Gedanken weiterdenkt, landet man schnell bei der Frage, wie sich diese Haltung in der konkreten Gebäudeplanung umsetzen lässt – besonders im Bürobereich. Zum Zeitpunkt der Planung wissen Sie ja noch gar nicht, welcher Mieter einziehen wird, welche Organisationsstruktur er hat oder wie er arbeitet. Wie gelingt es Ihnen trotzdem, zielgerichtet zu planen?
Timo Brehme
An diesem Prozess waren über 100 Personen beteiligt. Die Entwicklung eines Stadtquartiers ist komplex, und die späteren Nutzer:innen sitzen in dieser frühen Phase meist noch nicht mit am Tisch. Dennoch muss ihre Perspektive berücksichtigt werden, damit Grundrissgestaltung, Flexibilität und Ausstattung von Beginn an den tatsächlichen Bedarfen ausgerichtet werden – auch unter den Bedingungen vielfältiger Planungs- und Genehmigungsvorgaben. Dieser Ansatz steht für gelebte Nutzer:innenzentrierung.
Alexander Russ
Können Sie ein Beispiel für einen typischen Zielkonflikt nennen?
Timo Brehme
In München ist ein Klassiker die Gestaltung von Hochpunkten. Die Stadt möchte schlanke, elegante Türme. Das ist bei starken Höhenbegrenzungen jedoch kaum möglich – wir brauchen für eine wirtschaftliche und nutzer:innenfreundliche Nutzung große Grundrisse von über 1.000 Quadratmetern pro Etage. Schlanke Türme sehen gut aus, bieten aber oft nur kleine Flächen, was für viele Nutzungsformen unpraktisch ist. Hier stehen städtebauliche Vorgaben und Nutzer:innenbedürfnisse in einem direkten Spannungsverhältnis.
Torsten Bischoff
Genau diese Ausgangslage – Nutzende, die es noch nicht gibt – war der Grund, warum wir CSMM von Anfang an in den Prozess einbezogen haben. In vielen Projekten ist es so, dass Architekt:innen hervorragende Arbeit leisten, wenn sie ein klares, festgelegtes Raum- und Nutzungskonzept haben – beispielsweise, wenn der spätere Mieter schon feststeht und seine Anforderungen bekannt sind. In unserem Fall war die Situation jedoch völlig anders: Wir planen für Nutzer:innen, deren Bedürfnisse, Organisationsstruktur oder Arbeitsweise zum Zeitpunkt der Planung unbekannt sind. Dieses Vakuum – wir nennen es das „Planungsdelta“ – ist heikel, weil hier leicht Entscheidungen getroffen werden können, die spätere Nutzungen einschränken. Unsere gemeinsame Aufgabe war es deshalb, dieses Delta gezielt zu füllen: durch Annahmen, die sich aus Markterfahrung, aktuellen Trends und vergleichbaren Projekten ableiten lassen, und durch planerische Konzepte, die eine maximale Bandbreite an späteren Nutzungsmöglichkeiten offenhalten.
Andreas Hofmann
Gerade in der frühen Phase werden die entscheidenden Weichen gestellt. Der Master- oder Bebauungsplan steckt die Kubaturen meist schon klar ab und definiert damit, was möglich ist. Werden hier falsche Entscheidungen getroffen, lassen sie sich später nur schwer korrigieren. Deshalb ist es entscheidend, früh alle Disziplinen einzubinden – zunächst im Städtebau, später in der Architektur. Schon bei der gemeinsamen Bewertung von Wettbewerbsergebnissen konnten wir so prüfen, ob die Konzepte auch langfristig am Markt bestehen. Auf diese Weise werden von Anfang an die Grundlagen für ein Gebäude gelegt, das gut vermietbar ist und die Nachfrage erfüllt.
Timo Brehme
Die Entscheidung, ob ein Gebäude als Single-Tenant genutzt wird oder auch für mehrere Mieter offenstehen soll, fällt ganz am Anfang. Nur wenn bereits zu Beginn eine Multi-Tenant-Nutzung eingeplant wird, bleiben später alle Optionen offen – unabhängig davon, ob beispielsweise eine Kanzlei mit vielen Einzelbüros einzieht oder ein Großraumnutzer offene Flächen bevorzugt. Genau diese „weiße Fläche“ zwischen Fassade und Kern muss so konzipiert sein, dass sie verschiedenste Szenarien zulässt. Ein zentraler Punkt dabei ist, mögliche Einschränkungen frühzeitig zu erkennen und das Maß an Flexibilität zu bestimmen, das wirtschaftlich sinnvoll ist – denn Flexibilität ist mit Kosten verbunden. Deshalb werden schon in der frühen Planungsphase Flächen, Tiefen und Raumhöhen so definiert, dass verschiedene Nutzungskonzepte realisierbar bleiben. Ebenso wichtig ist eine technische Ausstattung, die spätere Anpassungen ohne großen Aufwand ermöglicht. Während Technikplanende häufig mit festen Zielkorridoren arbeiten, ist es in diesem Prozess entscheidend, mögliche Alternativen offenzuhalten. Das betrifft auch Fragen wie: Könnte diese Fläche künftig als Labor genutzt werden? Solche Überlegungen begleiten den gesamten Planungsprozess, damit ein Gebäude langfristig am Markt bestehen kann.
Torsten Bischoff
Wir haben nach einem wirklich komplexen und langen Dialog eine für uns mutige Entscheidung getroffen: Bei einem unserer Bürogebäude haben wir die Erschließung bewusst an die Außenfassade gelegt – entgegen der gängigen Planungsprinzipen, die die belichteten Flächen normalerweise für klassische Arbeitsplätze freihalten. Unser Ziel war es, die Innenbereiche möglichst frei und flexibel nutzbar zu machen. Wir sind davon überzeugt, dass diese Innenzonen in modernen Bürokonzepten an Bedeutung gewinnen – sei es als Besprechungs- oder Kommunikationsräume, als offene Küchen oder zentrale Cafeterien. Durch die Verlagerung der Infrastruktur an die Fassade entstanden innen frei bespielbare Flächen, die sich an veränderte Arbeitswelten anpassen lassen. Dieser Schritt war ungewohnt und erforderte Pioniergeist. Doch wir sind sicher, dass diese Lösung den heutigen Mieteranforderungen entspricht und das Gebäude langfristig nutzbar und wettbewerbsfähig hält. Denn es gibt kaum etwas Ungünstigeres, als nach 20 oder 30 Jahren festzustellen, dass ein Gebäude nicht mehr funktioniert und abgerissen werden muss.
Alexander Russ
Sie haben erwähnt, dass Flexibilität Geld kostet. Können Sie genauer erklären, wo genau die Entscheidung zwischen Budget und Flexibilität getroffen werden musste?
Torsten Bischoff
Ein gutes Beispiel ist die Technische Gebäudeausrüstung (TGA), insbesondere das Thema Lüftung. Wenn ein Gebäude nicht nur als Büro, sondern auch als Labor nutzbar sein soll, steigt der erforderliche Luftaustausch schnell auf das Fünf- bis Siebenfache an. Das bedeutet deutlich größere Steigschächte, weniger effiziente Büroflächen und höhere Allgemeinflächenanteile – mit der Folge, dass am Ende weniger Mietfläche zur Verfügung steht und sich die Miete und folglich der Kaufpreis reduziert.
Timo Brehme
Genau hier stellt sich die Kernfrage: Wie viel Flexibilität soll zugelassen werden – und wie viel Aufwand und Investition sind dafür vertretbar? Mehr Luftvolumen bedeutet größere Kanalquerschnitte, höhere Decken und komplexere Technik. Im Extremfall kann dies sogar dazu führen, dass ein Geschoss entfällt, wenn die Gesamthöhe des Gebäudes begrenzt ist. Flexibilität beginnt bereits bei grundlegenden Entscheidungen: Ob viele Einzelbüros oder eine Großraumnutzung mit offenen Flächen – eine Multi-Tenant-Nutzung muss von Beginn an in der Planung berücksichtigt werden. Wichtig ist dabei, frühzeitig zu prüfen, wo Einschränkungen entstehen und wo Optionen geschaffen werden können. Dazu gehört, nutzbare Fläche, Tiefe und Raumhöhe so zu definieren, dass verschiedene Nutzungen möglich sind – ergänzt durch eine technische Ausstattung, die spätere Anpassungen mit überschaubarem Aufwand zulässt. Für Technikplaner:innen bedeutet dies oft eine Abweichung von festen Zielwerten. Notwendig ist es dennoch, auch an Szenarien zu denken, die heute noch nicht konkret geplant sind: Könnte die Fläche künftig als Labor genutzt werden? Wäre eine Umnutzung möglich? Solche Überlegungen tragen dazu bei, den langfristigen Wert eines Gebäudes zu sichern und begleiten den gesamten Planungsprozess.
Torsten Bischoff
Alles hängt zusammen – von der Tragstruktur bis zur Flächenwirtschaftlichkeit. Das sind interdisziplinäre Entscheidungen.
Andreas Hofmann
So haben wir im „Sugar Valley“ beispielsweise eine Besonderheit geplant, die nicht selbstverständlich ist: Unser erster Büroturm wurde so vorbereitet, dass eine Mietpartei, die den gesamten Turm anmietet, interne Treppen zwischen den Etagen einbauen kann. Dadurch entsteht nicht nur eine physische, sondern auch eine Sichtverbindung zwischen den Ebenen – ein echter Mehrwert für die Kommunikation. Die dafür notwendigen Deckenvorbereitungen und Brandschutzmaßnahmen kosten natürlich Geld.
Torsten Bischoff
Wir haben in Teilen außerdem höhere Traglasten vorgesehen – selbst im Turm –, um Sondernutzungen zu ermöglichen. Hinzu kommen Einbringöffnungen in der Fassade sowie eine komplett öffenbare Fassade im Erdgeschoss, sodass das Gebäude im Zweifel sogar befahrbar ist. All diese Maßnahmen verursachen zwar Zusatzkosten, eröffnen aber zugleich deutlich mehr Nutzungsmöglichkeiten.
Andreas Hofmann
Wichtig ist hier auch: Flexibilität bedeutet immer auch Nachhaltigkeit. Wird ein Gebäude so geplant, dass es ohne große Eingriffe für andere Nutzungen umgebaut werden kann, spart es Ressourcen und verlängert seinen Lebenszyklus. Und genau daran zeigt sich, dass Flexibilität nicht nur Tragstruktur oder Technik betrifft, sondern immer auch die Anforderungen der Nutzer:innen.
Timo Brehme
Für Nutzer:innen spielt auch der „Flight-to-Quality“-Trend eine große Rolle. Unternehmen reduzieren ihre Flächen, investieren aber deutlich mehr in Aufenthaltsqualität und Begegnungsflächen. Dadurch verändert sich das Flächenverhältnis: weniger klassische Arbeitsplätze, dafür deutlich mehr Sonderflächen wie Besprechungsräume, Projekträume oder offene Teamflächen. Das führt zu einer höheren technischen Dichte, die in keiner DIN geregelt ist, aber in der Planung berücksichtigt werden muss. Ein Beispiel: Statt 10.000 Quadratmeter mietet ein Unternehmen nur 5.000 – investiert dafür aber in eine erstklassige Ausstattung. Das bedeutet mehr Wohlfühlatmosphäre, mehr Zufriedenheit bei den Mitarbeiter:innen und mehr Begegnungsmöglichkeiten. Deshalb müssen wir Flächen so flexibel planen, dass sie auch in 10 oder 20 Jahren noch relevant und anpassbar bleiben.
Alexander Russ
Wäre es grundsätzlich möglich, aus einem Bürogebäude später Wohnungen zu machen?
Torsten Bischoff
Das hängt stark von den baurechtlichen Rahmenbedingungen ab. In einem Gewerbegebiet ist Wohnen nicht zulässig. Erst seit 2017 gibt es mit der Baunutzungsverordnung die Möglichkeit, ein urbanes Gebiet festzusetzen – eine vergleichsweise neue Kategorie, die gemischte Nutzungen von Wohnen, Arbeiten, Dienstleistungen und Kultur erlaubt. Bei einem unserer Gebäude haben wir deshalb bereits im Bebauungsplan auf ausreichende Geschosshöhen und eine flexible Fassadengestaltung geachtet, um später zwischen Hotel- und Büronutzung wechseln zu können.
Alexander Russ
Kommen wir zum Thema Nachhaltigkeit. Dazu gibt es einen 100-Punkte-Plan für das Quartier. Können Sie das Konzept zusammenfassen?
Andreas Hofmann
Wir haben uns gleich zu Beginn die Frage gestellt, wie nachhaltig wir sein wollen. Daraus ist eine klare Formel entstanden: null CO₂ im Betrieb, null CO₂ im Bau und 100 Prozent ESG-konform. Im Betrieb setzen wir vor allem auf unser Energiekonzept. Beim Bau reduzieren wir den CO₂-Ausstoß mit verschiedenen Maßnahmen – zum Beispiel mit Hohlkörperdecken, die 30 bis 35 Prozent weniger Beton benötigen, und mit Betonzusätzen, die den Ausstoß weiter senken. So erreichen wir Werte, die mit Holz-Hybriden vergleichbar oder sogar besser sind – ohne deren statische Nachteile. Unser Ziel ist eine 100 Prozent ESG-Konformität. Die Taxonomie-Verordnung zwingt Investor:innen, auf nachhaltige Gebäude zu setzen – deshalb haben wir schon früh juristisch geprüft, wie wir die Kriterien der EU-Offenlegungsverordnung für Artikel-9-Produkte erfüllen, die höchste Nachhaltigkeitsklasse.
Torsten Bischoff
Daraus entstand der 100-Punkte-Plan: Alle Maßnahmen sind klar den Taxonomie-Kategorien zugeordnet, um uns laufend zu benchmarken – von technischen Lösungen bis zu Details wie salzfreiem Winterdienst oder umweltfreundlichen Reinigungsmitteln.
Alexander Russ
Gibt es eine Maßnahme, auf die Sie besonders stolz sind?
Andreas Hofmann
Unser Energiekonzept ist sicher das Herzstück. Besonders stolz sind wir auch auf das planungsbegleitende Life-Cycle-Assessment: Bei jeder Materialentscheidung prüfen wir CO₂-Werte und Wiederverwendbarkeit.
Alexander Russ
Spielt Kreislaufwirtschaft eine Rolle?
Andreas Hofmann
Absolut. Jeder Neubau erhält einen Gebäuderessourcenpass, der dokumentiert, welche Materialien recycelt wurden, recyclingfähig sind und wie sich das Gebäude später zerlegen lässt.
Alexander Russ
Mobilität ist dabei ebenfalls ein zentrales Thema. Wie sieht Ihr Konzept aus?
Torsten Bischoff
Wir denken Mobilität langfristig: ÖPNV direkt vor der Tür, Carsharing, Lastenräder, viele Fahrradstellplätze und eine Tiefgarage mit E-Ladeinfrastruktur. Die Stellplatzquote reduzieren wir, indem wir digitale Tools für das Auslastungsmanagement unserer Tiefgarage einsetzen.
Andreas Hofmann
Wichtig ist uns die Vernetzung. Über eine digitale Plattform bündeln wir Sharing-Angebote, ÖPNV-Tickets und Quartiersinfos – so wechseln Nutzer:innen nahtlos zwischen Verkehrsmitteln.
Torsten Bischoff
Außerdem hat das Fahrrad enorm an Bedeutung gewonnen. Deshalb trennen wir Auto- und Radverkehr, schaffen helle, gut sichtbare Stellplätze im Erdgeschoss plus Duschen, Umkleiden und Schließfächer – ein Detail, das sehr geschätzt wird. Und wir etablieren eine „Fahrraddusche“, um die Räder vor Ort zu reinigen.
Alexander Russ
Eine letzte Frage: Was kann das Quartier aus Ihrer Sicht langfristig bewirken?
Timo Brehme
München kennt viele Quartiersentwicklungen – leider sind nicht alle positiv zu bewerten. Ich wünsche mir, dass dieses Projekt durch Qualität, Nutzungsvielfalt und Ausstrahlung weit über München hinaus wahrgenommen wird. Die jetzige Zwischennutzung hat schon gezeigt, dass hier ein Ort entstehen kann, der Menschen anzieht und zusammenbringt. Wenn wir es schaffen, diese Energie in die endgültige Umsetzung zu übertragen, wird das Quartier ein starkes Beispiel für echte Stadtentwicklung.
Andreas Hofmann
Wir haben hier die Chance, mit vier Hektar ein ganzes Stadtgebiet zu verändern – jenseits der bisherigen Fixierung auf die Innenstadt. Wir wollen offen, transparent und vielfältig sein und sind bereit, dafür Pionierarbeit zu leisten.
Torsten Bischoff
Unser Ziel ist ein 24/7 lebendiges Quartier mit Strahlkraft. Wenn es in München wahrgenommen wird und die Menschen zudem gezielt von außerhalb kommen, haben wir viel erreicht. Wichtig ist uns nicht, dass das Quartier als Idee kopiert wird, sondern dass der Entwicklungsprozess Schule macht.
Alexander Russ
Vielen Dank für das Gespräch.